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wenn der autor geht, bleibt der übersetzer?

Oktober 30, 2017

Letztmalig London titelte Lettre International. Iain Sinclair’s Farewell to London auch im Guardian. Besondere Anlässe verlangen nach besonderen Maßnahmen. Ich lese The Last London – True Fictions from an Unreal City, während mich ICE und Eurostar (eigentlich kein passender Name mehr) im Eiltempo und – von meiner Seite eher spontan – zu einigen Veranstaltungen rund um die Veröffentlichung von Iains letztem London-Buch transportieren. Eine Reise, ein „Augenzeugen“ vor Ort zu diesem Abschließen eines mehr als 40-jährigen Schreibens über London. Eindrücke sammeln, auf dem Rad. Kompensieren, dass der Geschichten erwandernde Wortmagus St. Clair mir sprich:wörtlich immer voraus ist. Als „Übersetzer“ bin ich immer langsamer als das Original, nur „veloziped“ kann ich dem Zufußgeher wirklich folgen. Ausgerechnet ein „Biker“ als Übertrager, wird er sich wohl doch ab&an schon mal gedacht haben.

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11/9/17 Also wenn ich immer so viel Rad führe, wäre ich wahrscheinlich fit. Ich glaube, heute habe ich um die 40 Meilen runtergestrampelt, weil ich keine Veranstaltung zu besuchen hatte und einfach nur rumgegurkt bin: Von meiner Schreiber-(echt nah an Schreber-)Hütte erst mal nach Beckton und den Beckton Alps (ein stinkender, vermüllter Monte Scherbelino, Betreten verboten, aber ein irrer Blick über die Stadt. Dann hab ich mich mal an die Royal Docks gewagt, weil es da einen Waterside Path geben sollte. Pustekuchen, alles verrammelt, entweder wegen Bauarbeiten, die ziehen da einfach einen Turm nach dem andren hoch, oder Bullen und davon mehr als Bauarbeiter, weil gerade ein Treffen der internationalen Waffenlieferer beschützt werden musste. Ist schon immer erstaunlich, wenn Sinclair dann einfach wahr wird. Die himmelwärts und ewige schattige Bauöde der Isle of Dogs, Greenwich Foot Tunnel und dann nach Brixton. Musste doch wenigstens mal einen Blick auf unser altes Zuhause werfen. Dann Teil meines alten Arbeitswegs, alte Richtungen, vertraute Straßen, und direkt in die City und den CS3 zur Cable Street genommen. Ich kann nur sagen: Don’t ever use a Cycling Superhighway in the rush hour if you’re not in a rush. It’s lethal. London cyclists are mad. It’s a race course and they’re going to knock you over, run into you, hit you, swear at you, hate you, and eventually kill you, if you’re in their way. Aber dann noch in einer fast ausgestorbenen Feierabend- oder Feiertagsruhe am Regent’s Canal wieder Richtung äußerster Nordwesten, zurück zur Hütte. Jetzt bin ich platt, obwohl es keine Bergwertung gegeben hat.

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In der Sinclair-Ausstellung The House of the Last London war ich gestern schon. Ein eher privater Blick auf Iains Projekte aus seiner Sicht und der seiner Freunde und immer wieder Wegbegleiter. Ich würde nach der Austellung sagen, dass wenn man eine Ausstellung zu Iain Sinclair sehen möchte, muss man sich London angucken. Das ist sein eigentlicher „Ausstelllungsraum“. In diesem Sinne mache ich jetzt die Tage hier so weiter: Lusche morgens ordentlich rum, weil ich eh immer nur lahm in die Pötte komme, und nutze dann Mittag bis Abend, um an meinem „Intake“ zu arbeiten. Das passt so ganz gut für mich und zum Wetter passt’s auch. Zwar steht nachmittags immer mal wieder ein bisschen schauriges Gewarte in Toreingängen oder Hochhausdurchgängen an, aber hauptsächlich stürmt es nachts um meine Gartenhütte herum und regnet bis zum Morgen melancholisch melodisch aufs Dach.

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13/9/17 Der große Abend mit der Lesung in IKLECTIK north of the Archbishop’s Park Lambeth (wieder Richtung „alte Heimat). Toller Titel: Future Exils Return to a Last London. Fühle mich fast angesprochen. Ein besonderer Tag, denn ich habe im großen Stil Blake gewürdigt, einmal in der Tate Britain, die um die Ecke ist, und dann um die Hercules Road herum, die mal auf meinem Arbeitsweg gelegen hat und wo eine Intitiative ganz viele der Blake Radierungen als Mosaike unter den Bahnbrücken nachempfunden hat. Die Lesung selbst war NUR Gedichte – was ich absolut nicht erwartet hatte. Allen Fisher, Alan Moore, Brian Catling, Bill Griffith (in Abwesenheit, aber genau vor 10 Jahren auf den Tag gestorben) und Iain haben sich an die Dichterlesungen in den 70ern erinnert und ein ähnliche Atmosphäre heraufbeschworen. Besonders beeindruckt hat mich Allen Fishers Gedicht Place. Plötzlich steht Stephen Watts vor, der in The Last London quasi das East End übernimmt, wo er auch seit über 30 Jahren lebt, während wir noch vor den erst pünktlich um 7 öffenenden Türen mit den Füßen scharren. Stephen übersetzt Gedichte aus Sprachen, die er gar nicht kennt, Syrisch und Arabisch, einfach über den direkten Kontakt mit dem Originaldichter! Das hat mich wirklich fasziniert und ich finde es großartig. Das Gedicht als Dialog, eine große Tür, um sowohl dem Dichter des Originals, der Sprache des Originals, als auch dem Dichter im Übersetzer und der anderen Sprache treu zu bleiben, und etwas ganz Neues zu schaffen, das sich in bester, freundschaftlicher Weise (die Freundschaft mit diesen Dichtern hat er dabei besonders betont) treu zu bleiben.

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14/9/17 Heute hab ich – weil ich gerade das Kapitel Absolutely Barking, das hier im äußeren Nordwesten, wo ich gerade meine Bleibe habe, spielt – die am übelst stinkenden 8 Meilen ‚ever‘ in meinem Ausflugsangebot gehabt: auf der sympathisch klingenden River Road und auf der Suche nach Barking Riverside, einer komplett neuen Trabanten-Vorstadt, die im Barkinger Industriegebiet angelegt wird. Themse-Nähe, aber man sieht sie wohl eher nur jenseits der Müllberge aus den obersten Stockwerken. Recycling ist ein infernalisch sämtliche Atemwege bedrohender Prozess. Schulkinder aus den neuen Siedlungen laufen durch den von einer unglaublichen Zahl von Lastern aufgewirbelten Dreck und Staub zum „Riverside Campus“ und ich mittendrin. Aber es war natürlich trotzdem interessant. Und ich wollte wissen, wohin das alles führt, und bin zur „militanten Untersuchung“ (die bei mir allerdings nur das Abendessen von Waitrose ergeben hat) in die Stratford Westfield Shopping Mall gestrampelt, um die herum eine riesige Trabanten- und Pendlerschlafstadt entsteht, hab mich verirrt und als ich wieder rausgefunden hab, von einem oberfreundlich und sympathisch hübschen jungen Gläubigen einen Koran geschenkt bekommen. „For free“, er wollte mir gleich die deutsche Ausgabe auch noch aufdrängen. Da hab ich ihm erklärt, dass ich ein Reisender bin, und das schien ihm dann doch einleuchtend bei fast einem Kilo Textgewicht.

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