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Blakes London im Deutschlandfunk Büchermarkt

November 18, 2020

Dieses kleine Buch und damit auch sein Autor, Iain Sinclair,

Cover by Matthes & Seitz Berlin

macht von sich reden! Heute wird einer der beiden Übersetzer, Sven Koch, dazu im Büchermarkt befragt, und das Gespräch mit der Moderatorin Tanya Lieske wird sicherlich auch als Podcast verfügbar sein:

https://www.deutschlandfunk.de/iain-sinclair-blakes-london-unterwegs-mit-einem-toten.700.de.html?dram:article_id=487671

Centaur Street under the railway arches by Southbank Mosaics; photo: ghebrezgiabiher
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Sinclair-Herbst

November 2, 2020

Für alle Sinclair-Interessierten gibt es im Herbst viel zu lesen.

Foto-Collage: Fotos Iain Sinclair

Städte begehen. Exkursionen nach Berlin, Marseille und Palermo, schon im Frühsommer im Wehrhahn Verlag erschienen, wurde von Harald Eggebrecht in der Süddeutschen sehr kompakt, gleichzeitig informativ und Lust machend besprochen. „Ob es uns gefällt oder nicht, die Vergangenheit ist etwas, das man auch heute noch riechen kann. Es ist einer dieser vielversprechend schillernden Sätze von Iain Sinclair, Jahrgang 1943, dessen Schreiben und Filmemachen sich einer besonderen Form des Wanderns verdankt.“

Foto: Wehrhahn Verlag

In der Herbstausgabe der Lettre International (LI 130, Herbst 2020) erschien ein diese Exkursionen auf dem europäischen Festland quasi weiterführender Beitrag. Iain Sinclair folgte im März diesen Jahres einer Einladung für ein Aufenthaltsstipendium nach Brüssel, das zwar der erste Lockdown beendete, ihm jedoch dennoch die Zeit bot, um die belgische Hauptstadt auf den Spuren des belgischen Schriftstellers Guy Vaes zu erkunden. Sinclair entdeckt zahlreiche Schnittpunkte mit dem von Vaes aus dessen Lektüre selbsterschaffenen London ebenso wie mit dem von beiden in den 1970ern real durchwanderten: „Er muss 1975 durch dieselben Parks und Friedhöfe gestreift sein, in denen ich Rasen mähte und das Material für Lud Heat sammelte.“ Bei der Lektüre eines von Philip Mosley ins Englische übersetzten Essays von Vaes vertieft sich dieses Gefühl fast wiedergängerisch: „Ein Teil […] trug den Titel „An Antwerp Palimpsest“ und ähnelte dem, was ich zu jener Zeit selbst versucht (und nicht hinbekommen) hatte, so sehr, daß ich zu glauben begann, ich müßte das selbst geschrieben haben. Oder ich wäre auf okkulte Weise zum Bauchredner ebendieser Orte geworden.“

Foto: Brüssel – ghebrezgiabiher

Last but not least, die großartige Neuigkeit, dass das lange geplante Blakes London seit Oktober 2020 erhältlich ist. Im Nachwort heißt es:

Vielleicht ist das die einzig sichere Schnittstelle bei Sinclair: Personen werden zu Orten, Orte zu Worten, Worte zu Orten und Personen, zu denen man zurückkehren kann. Mit der konzentrierten Art, wie Blakes London dies deutlich macht, ist es ein literarischer Glücksfall. Das kleine Buch ist ein energiegeladenes Kompendium, das Leserinnen und Leser, die noch nie etwas von Iain Sinclair gehört haben, an wichtige Ausgangspunkte seines Schreibens führt und ihnen in aller Kürze einen Zugang zu seiner Welt eröffnet.

Kristian Kühn hat eine ebenso ausführliche wie hintergründige Rezension im Forum für autonome Poesie Signaturen vorgelegt. „Sinclair beschließt, für den Vortrag [aus dem dieses Buch entstanden ist], wie er sagt, das „topografisch Erhabene“ bei Blake herauszuarbeiten, dessen Ansatz, in allem ein Hüben und ein Drüben zu erkennen, die sichtbare wie die geistige Seite des Gesehenen also. Gewissermaßen mache das Blake hoch aktuell:

Das Virtuelle erringt die Vorherrschaft über das Reale, das computeranimierte Abbild überlagert die Besonderheit des Ortes. Man könnte das als völlige Verkehrung von Blakes Vision betrachten.

Foto: Friedenauer Presse

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Sinclair Sommer

Juni 1, 2020

Lesen statt Reisen? Wer wüsste darauf momentan schon eine definitive Antwort? Beides ist mit Sehnsüchten verknüpft, und ganz vielleicht wirken Iain Sinclairs Ausflüge in eine topografische Tiefe dem Fernweh entgegen und geben Anregungen zu Reisen in die ferne Nähe, wie der Anglist und in Leipzig lebende Gelehrte Elmar Schenkel eines seiner zahlreichen Bücher betitelte hat.

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„Dass zielloses Umherwandern in Städten zur revolutionären Umgestaltung der Welt beitragen könnte, wie der französische Autor und Filmemacher Guy Debord einst schrieb, erscheint auf den ersten Blick vermessen.“ So beginnt Kevin Neuroth in Der Freitag (Ausgabe 07/2020) seine Rezension zu Anneke Lubkowitz’ Sammelband über Psychogeografie und gibt einen guten Einblick in den thematischen Umfang und die Eigenheit dieser Anthologie.

„Obwohl das Flanieren in der deutschen Literatur eine lange Tradition hat, ist das Konzept der Psychogeografie hierzulande bisher weitgehend unbekannt, wie Herausgeberin Anneke Lubkowitz im Vorwort […] schreibt.“ Und es ist auch nicht im eigentlichen Sinne „ziellos“, vielmehr versuchen die Autor*innen, „die Geschichten hinter der Stadt zu lesen.“ Es kommt hinzu, dass „das soziologische wie archäologische Interesse an der Stadt […] auch eine Reaktion auf zunehmende Privatisierung und Gentrifizierung und die damit einhergehende Verdrängung von Kulturen und Lebensstilen [war].“

[Die Londoner Autoren Will] Self und [Iain] Sinclair sind in Psychogeografie beide mit einem Text vertreten. Self geht zu Fuß den Weg von seiner Südlondoner Wohnung zum Flughafen Heathrow und zeichnet dabei Impressionen eines Wegs auf, der üblicherweise nur mit Auto, Bus oder U-Bahn zurückgelegt wird. Sinclair geht in V-Form vom Ostlondoner Stadtteil Hackney bis Greenwich Hill und sammelt „die Botschaften an den Wänden, Laternenpfählen und Türpfosten“. Beides sind Versuche, sich entgegen etablierten Mustern durch die Stadt zu bewegen und dabei neue Verbindungen aufzuzeichnen. „Vorsätzliches Treibenlassen“, so heißt es bei Sinclair, „ist der empfohlene Modus, wach träumend über die asphaltierte Erde streunen und der Fiktion eines darunter verborgenen Musters die Möglichkeit geben, sich zu offenbaren.“

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Und dieses vorsätzliche sich „Treibenlassen“ Iain Sinclairs hat nun in Städte begehen. Exkursionen nach Berlin, Marseille und Palermo eine ganz eigene und so nur auf Deutsch erschienene Form angenommen. Die beiden Übersetzer Sven Koch und Jürgen Ghebrezgiabiher formulieren das auszugsweise in ihrem Vorwort wie folgt:

Dieses Buch stellt Iain Sinclair (*1943) aus einer untypischen Perspektive vor: Die drei Texte zeigen ihn nicht als großen, in Großbritannien berühmten London-Kenner, dessen gut vier Jahrzehnte währende Archäologie der britischen Hauptstadt ihn zu einem führenden Vertreter der Psychogeografie oder auch des modernen, die »urbane Natur« einschließenden Nature Writing machen. Auf seinen Exkursionen nach Berlin, Marseille und Palermo, wo er sich auf weniger vertrautem Terrain bewegt, ist er gewissermaßen im kleinen Format zu erleben.
Zugleich rückt die Zusammenstellung dreier eigenständiger „Stadtbegehungen“ Sinclairs Schreiben als solches in den Vordergrund. Denn dadurch werden seine poetischen Verfahren an unterschiedlichen Schauplätzen sichtbar, tritt sein immenser diskursiver Reichtum in verschiedenen Szenerien auf.

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[…] Sein Schreiben korreliert nicht nur mit einer konkreten räumlichen Bewegung, einem vielleicht sogar flaneurhaft beschrittenen Weg – es erschafft auch immer weitere Resonanzräume, in denen sich Texte aktualisieren und erhellen können: Sein literarisches Fortschreiten ist also zugleich ein beständiges Fortschreiben.

[…]

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Städte begehen. Exkursionen nach Berlin, Marseille und Palermo ist jedoch nicht nur in formaler Hinsicht Sinclairs Praxis verpflichtet. Im Verzicht auf London-Texte reflektiert er auch den programmatischen Abschied vom Schreiben über die Themse-Metropole, den der Autor mit The Last London. True Fictions from an Unreal City (2017) vollzogen hat. Zugleich ist dieser persönliche Brexit also auch eine Öffnung und ein Aufbruch: in ein Schreiben über Europa und die weitere Welt.

Na, und wir beiden Übersetzer freuen uns riesig, dass es diese kleine Buch geschafft hat und nun verfügbar ist für alle, die sich schon immer mal an diesen ungewöhnlichen Autor wagen wollten.

 

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Fröhliches Verlagsmühlenmahlen

Januar 30, 2020

fascicle ivNachdem es Jeffrey M. Johnson 2019 wieder getan hat, und das nächste „Trumm“ – nach Fascicle I-III nun Fascicle IV – seiner Descriptive Bibliography and Biographical Chronology über Iain Sinclair in A4-Format mit exakt 1,3 kg und vollgepackt mit Informationen zum Schaffen dieses Autors in den Jahren von 1988 bis 1998 bei Test Centre Books geordert werden kann, gibt es aber auch noch andere ungeheure Neuigkeiten:

2020 wird – je nach Verlagsmühlenmahlen – ein Sinclair-Frühling bzw. -Jahr deutschsprachiger Veröffentlichungen.

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Den Start hat schon die von Anneke Lubkowitz herausgegebene Anthologie Psychogeografie gemacht.

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Sie „versammelt wichtige und überwiegend erstmals auf Deutsch publizierte Grundlagentexte zur Auseinandersetzung mit einer hierzulande bisher kaum bekannten Tradition der Stadterkundung“. Und ihr gelingt dabei eine schöne Balance in der Auswahl und Zusammenstellung von Texten mit theoretischem und praktischem Bezug. Iain Sinclair und dem Auszug aus Skating on Thin Eyes: The First Walk aus einem seiner zentralen Londonwerke Lights Out for the Territory kommt darin als „Leitfigur der Londoner Psychogeografie“ eine besondere Position zu. „In seinem polemisch-überzeichnenden Stil hält Sinclair Prozesse fest, die auch dem Alltag deutscher Großstädte mit ihren monströsen Bauprojekten nicht mehr fern sind: Wie fast alle Beiträge in diesem Band versucht auch er, eine Sprache zu finden für den schnellen städtischen Wandel, der längst in Berlin angekommen ist, wie neu entbrannte Diskussionen um steigende Mietpreise, Gentrifizierung und zweifelhaftes Investment zeigen.“ (Psychogeografie, Vorwort, S.9)

Im gleichen Verlag wird aber für den Sommer auch schon das nächste Sinclair-Buch angekündigt: Blakes London.

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Sinclair setzt „das heutige London in ein dichtes Spannungsverhältnis mit dem London, das Blake erlebte. Insbesondere geht er der Frage nach, wie Blakes reiche und bildgewaltige Poetik, Sprache und Imagination sich zu einer so präzisen und umfassenden Auseinandersetzung mit ganz konkreten Orten verbinden konnten. So liest sich Sinclairs eigenwilliger psychogeografischer Essay als Einführung in Blakes mystische Stadterfahrung, erzählt von dessen Beziehung zu Emanuel Swedenborg, dessen Einflüsse er freilegt, und zieht eine überraschende ästhetische Linie zu anderen Flaneuren und Wanderern von John Clare zu Allen Ginsberg.“ Gleichzeitig bietet diese Büchlein einen auch für Nicht-Sinclair-Kenner geeigneten Einstieg in das ganz eigene Universum dieses Schriftstellers.

Damit nicht genug haben die beiden Sinclair-Übersetzer Sven Koch und Jürgen Ghebrezgiabiher noch ein weiteres Projekt bis zur Publikationsreife gebracht, doch das soll bis zum nächsten Blog-Post noch ein freudiges Geheimnis bleiben.

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[Fotos (ausgenommen Verlagsfotos): ghebrezgiabiher]

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Sinclair-Bibliobiografie von Jeffrey M. Johnson

August 28, 2018

Mensch muss schon ein bisschen positiv verrückt – also ein paar Schritte neben den ausgetrampelten Literaturpfaden unterwegs – sein, um solch verschüttete Informationen systematisch zu einem solchen Trumm (A4, 1,5 kg) zu ordnen wie dieser J.M. Johnson, der 2012 seinen ersten Sammelversuch startete, dem ersten Befund 2013 selbst nichts abgewinnen konnte, 2014 neu ansetzte und Charles Olsons/Robert Creeleys These in bibliografischer Weise umzusetzen begann: „Form ist nie mehr als eine Erweiterung des Inhalts.“

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Living with Buildings

August 28, 2018

Neues Buch von Iain Sinclair: Living with Buildings

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Aktuelle Links

Juli 19, 2018

Podium zum geschichtlichen Strom, zum Sog der Themse

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Dokumentarfilm zu London Overground

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[fotos: ghebrezgiabiher]

 

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MITTEN INS SCHLIMMSTE HINEINPILGERN

Dezember 8, 2017

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Wieder ein Iain Sinclair Text in Lettre International. Sehr dichte Prosa, wichtige Themen und ein Schuss poetisches Sprachwerken.

LETZTE PILGERWANDERUNG titelt die Winteraussgabe LI 119:

Iain Sinclair, leidenschaftlicher Stadtwanderer und literarische Spürnase der Themsemetropole, ist ein Schlafwandler in selbstgewähltem Schweigen. Jahrelang versuchte er, aus dem weißen Rauschen der Zeichen, der Werbung, der Bauten, der Schmierereien, der unaufhörlichen Ohrinvasion in der Themsemetropole eine konsistente Erzählung zu machen. Nun hat er vor der Übermacht der finanzmetropolitanen Dynamik kapituliert und sein Schreiben beendet. Ihm ist, als hätte er sein Gravitationszentrum verloren, und er fragt: Wann eigentlich erloschen Londons große Visionen von der Zukunft? (https://www.lettre.de/magazin/li-119)

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Für alle Interessierten hier noch ein kurzer Überblick über bisher bei Lettre International erschienene Texte von Iain Sinclair:

LETZTE PILGERWANDERUNG – Ein Schlafwandler in selbstgewähltem Schweigen unterwegs; LI 119, Winter 2017

LETZTMALIG LONDON – Besessene Wanderungen eines hinkenden Psychogeographen; LI 117, Sommer 2017

ZWEI POOLS – Stadtporträt; LI 111, Winter 2015

LAND UNTER LONDON – Spekulanten, Psychopathen und Künstler erobern sich die Unterwelt; LI 108, Frühjahr 2015

DER KOLOSS VON MAROUSSI – Athen – Trümmerfelder der Antike, ruinöse Pracht Olympischer Spiele; LI 090, Herbst 2010

ZWEI RME PLUS EINER – Alexanderplatz, Olympiastadion, Telegraphenberg – Feldforschungen; LI 086, Herbst 2009

OLYMPISCHER SCHWINDEL – Ränkespiele, Landnahme, Goldrausch. London macht sich fit für 2012; LI 082, Herbst 2008

IN WOLKENKUCKUCKSHEIM – London – Streifzüge durch die Stadt hinter der Stadt;       LI 071, Winter 2005

[Fotos: J Ghebrezgiabiher]

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wenn der autor geht, bleibt der übersetzer?

Oktober 30, 2017

Letztmalig London titelte Lettre International. Iain Sinclair’s Farewell to London auch im Guardian. Besondere Anlässe verlangen nach besonderen Maßnahmen. Ich lese The Last London – True Fictions from an Unreal City, während mich ICE und Eurostar (eigentlich kein passender Name mehr) im Eiltempo und – von meiner Seite eher spontan – zu einigen Veranstaltungen rund um die Veröffentlichung von Iains letztem London-Buch transportieren. Eine Reise, ein „Augenzeugen“ vor Ort zu diesem Abschließen eines mehr als 40-jährigen Schreibens über London. Eindrücke sammeln, auf dem Rad. Kompensieren, dass der Geschichten erwandernde Wortmagus St. Clair mir sprich:wörtlich immer voraus ist. Als „Übersetzer“ bin ich immer langsamer als das Original, nur „veloziped“ kann ich dem Zufußgeher wirklich folgen. Ausgerechnet ein „Biker“ als Übertrager, wird er sich wohl doch ab&an schon mal gedacht haben.

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11/9/17 Also wenn ich immer so viel Rad führe, wäre ich wahrscheinlich fit. Ich glaube, heute habe ich um die 40 Meilen runtergestrampelt, weil ich keine Veranstaltung zu besuchen hatte und einfach nur rumgegurkt bin: Von meiner Schreiber-(echt nah an Schreber-)Hütte erst mal nach Beckton und den Beckton Alps (ein stinkender, vermüllter Monte Scherbelino, Betreten verboten, aber ein irrer Blick über die Stadt. Dann hab ich mich mal an die Royal Docks gewagt, weil es da einen Waterside Path geben sollte. Pustekuchen, alles verrammelt, entweder wegen Bauarbeiten, die ziehen da einfach einen Turm nach dem andren hoch, oder Bullen und davon mehr als Bauarbeiter, weil gerade ein Treffen der internationalen Waffenlieferer beschützt werden musste. Ist schon immer erstaunlich, wenn Sinclair dann einfach wahr wird. Die himmelwärts und ewige schattige Bauöde der Isle of Dogs, Greenwich Foot Tunnel und dann nach Brixton. Musste doch wenigstens mal einen Blick auf unser altes Zuhause werfen. Dann Teil meines alten Arbeitswegs, alte Richtungen, vertraute Straßen, und direkt in die City und den CS3 zur Cable Street genommen. Ich kann nur sagen: Don’t ever use a Cycling Superhighway in the rush hour if you’re not in a rush. It’s lethal. London cyclists are mad. It’s a race course and they’re going to knock you over, run into you, hit you, swear at you, hate you, and eventually kill you, if you’re in their way. Aber dann noch in einer fast ausgestorbenen Feierabend- oder Feiertagsruhe am Regent’s Canal wieder Richtung äußerster Nordwesten, zurück zur Hütte. Jetzt bin ich platt, obwohl es keine Bergwertung gegeben hat.

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In der Sinclair-Ausstellung The House of the Last London war ich gestern schon. Ein eher privater Blick auf Iains Projekte aus seiner Sicht und der seiner Freunde und immer wieder Wegbegleiter. Ich würde nach der Austellung sagen, dass wenn man eine Ausstellung zu Iain Sinclair sehen möchte, muss man sich London angucken. Das ist sein eigentlicher „Ausstelllungsraum“. In diesem Sinne mache ich jetzt die Tage hier so weiter: Lusche morgens ordentlich rum, weil ich eh immer nur lahm in die Pötte komme, und nutze dann Mittag bis Abend, um an meinem „Intake“ zu arbeiten. Das passt so ganz gut für mich und zum Wetter passt’s auch. Zwar steht nachmittags immer mal wieder ein bisschen schauriges Gewarte in Toreingängen oder Hochhausdurchgängen an, aber hauptsächlich stürmt es nachts um meine Gartenhütte herum und regnet bis zum Morgen melancholisch melodisch aufs Dach.

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13/9/17 Der große Abend mit der Lesung in IKLECTIK north of the Archbishop’s Park Lambeth (wieder Richtung „alte Heimat). Toller Titel: Future Exils Return to a Last London. Fühle mich fast angesprochen. Ein besonderer Tag, denn ich habe im großen Stil Blake gewürdigt, einmal in der Tate Britain, die um die Ecke ist, und dann um die Hercules Road herum, die mal auf meinem Arbeitsweg gelegen hat und wo eine Intitiative ganz viele der Blake Radierungen als Mosaike unter den Bahnbrücken nachempfunden hat. Die Lesung selbst war NUR Gedichte – was ich absolut nicht erwartet hatte. Allen Fisher, Alan Moore, Brian Catling, Bill Griffith (in Abwesenheit, aber genau vor 10 Jahren auf den Tag gestorben) und Iain haben sich an die Dichterlesungen in den 70ern erinnert und ein ähnliche Atmosphäre heraufbeschworen. Besonders beeindruckt hat mich Allen Fishers Gedicht Place. Plötzlich steht Stephen Watts vor, der in The Last London quasi das East End übernimmt, wo er auch seit über 30 Jahren lebt, während wir noch vor den erst pünktlich um 7 öffenenden Türen mit den Füßen scharren. Stephen übersetzt Gedichte aus Sprachen, die er gar nicht kennt, Syrisch und Arabisch, einfach über den direkten Kontakt mit dem Originaldichter! Das hat mich wirklich fasziniert und ich finde es großartig. Das Gedicht als Dialog, eine große Tür, um sowohl dem Dichter des Originals, der Sprache des Originals, als auch dem Dichter im Übersetzer und der anderen Sprache treu zu bleiben, und etwas ganz Neues zu schaffen, das sich in bester, freundschaftlicher Weise (die Freundschaft mit diesen Dichtern hat er dabei besonders betont) treu zu bleiben.

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14/9/17 Heute hab ich – weil ich gerade das Kapitel Absolutely Barking, das hier im äußeren Nordwesten, wo ich gerade meine Bleibe habe, spielt – die am übelst stinkenden 8 Meilen ‚ever‘ in meinem Ausflugsangebot gehabt: auf der sympathisch klingenden River Road und auf der Suche nach Barking Riverside, einer komplett neuen Trabanten-Vorstadt, die im Barkinger Industriegebiet angelegt wird. Themse-Nähe, aber man sieht sie wohl eher nur jenseits der Müllberge aus den obersten Stockwerken. Recycling ist ein infernalisch sämtliche Atemwege bedrohender Prozess. Schulkinder aus den neuen Siedlungen laufen durch den von einer unglaublichen Zahl von Lastern aufgewirbelten Dreck und Staub zum „Riverside Campus“ und ich mittendrin. Aber es war natürlich trotzdem interessant. Und ich wollte wissen, wohin das alles führt, und bin zur „militanten Untersuchung“ (die bei mir allerdings nur das Abendessen von Waitrose ergeben hat) in die Stratford Westfield Shopping Mall gestrampelt, um die herum eine riesige Trabanten- und Pendlerschlafstadt entsteht, hab mich verirrt und als ich wieder rausgefunden hab, von einem oberfreundlich und sympathisch hübschen jungen Gläubigen einen Koran geschenkt bekommen. „For free“, er wollte mir gleich die deutsche Ausgabe auch noch aufdrängen. Da hab ich ihm erklärt, dass ich ein Reisender bin, und das schien ihm dann doch einleuchtend bei fast einem Kilo Textgewicht.

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The Last London

April 9, 2017

Das London, mit dem auch Iain Sinclairs Sprache verbunden ist und sich entwickelt hat, verschwindet immer mehr. Die neuen Bilder dieser ewig sich wandelnden Stadt sind an eine andere Sprache gebunden, computeranimierte Wortverwirrung statt tiefentopografischer Sprachmagie. Der Dichter schließt „sein“ London ab und wandert in unbekanntes Territorium hinaus.

Einen Vorgeschmack auf The Last London, das letzte Buch eines ungeheuren Zyklus über die britische Hauptstadt und das im Herbst bei Oneworld erscheinen wird, bietet der Vortrag unter demselben Titel, der im April 2017 im London Review of Books veröffentlicht wurde:

https://www.lrb.co.uk/v39/n07/iain-sinclair/the-last-london

Und ein filmisches Porträt zum selben Thema: