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The Last London

April 9, 2017

Das London, mit dem auch Iain Sinclairs Sprache verbunden ist und sich entwickelt hat, verschwindet immer mehr. Die neuen Bilder dieser ewig sich wandelnden Stadt sind an eine andere Sprache gebunden, computeranimierte Wortverwirrung statt tiefentopografischer Sprachmagie. Der Dichter schließt „sein“ London ab und wandert in unbekanntes Territorium hinaus.

Einen Vorgeschmack auf The Last London, das letzte Buch eines ungeheuren Zyklus über die britische Hauptstadt und das im Herbst bei Oneworld erscheinen wird, bietet der Vortrag unter demselben Titel, der im April 2017 im London Review of Books veröffentlicht wurde:

https://www.lrb.co.uk/v39/n07/iain-sinclair/the-last-london

Und ein filmisches Porträt zum selben Thema:

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Edge of the Orison _ Rand des Orizonts

März 22, 2017

In diesem Fall kommt das nahe an einen Silberstreif heran:

Iain Sinclair: „Der Rand des Orizonts. Auf den Spuren von John Clares ‚Reise aus Essex'“. Verlag Matthes & Seitz

Damit erscheint zur Buchmesse Leipzig 2017 das erste Buch des britischen Wortmagiers in deutscher Sprache. Sinclair wandert auf den Spuren des Bauerndichters John Clare von Epping Forest am Rande von London bis nach Glinton in Northamptonshire. Eine Buchbesprechung und kurze Zusammenfassung findet sich hier: Podcast D-Radio zu Rand des Orizonts.

Um am Zauber [dieses Fußmarsches] teilzuhaben, braucht man die Landschaften und Dörfer auf seinem Weg nicht zu kennen. „Der Rand des Orizonts“ ist eine Gebrauchsanweisung für eine eigene Psychogeografie. Nach der Lektüre geht man anders durch die Stadt, stellt Mithu Sanyal, die das Buch besprochen hat, fest.

Dies ist aber zudem ein guter Moment, um kurz Revue passieren zu lassen, wo Iain Sinclair sonst noch in deutscher Übersetzung aufgetaucht ist. Denn so spurlos, wie es häufig den Anschein hat, ist er hierzulande gar nicht geblieben, was vor allem der Kulturzeitschrift Lettre International (LI) zu verdanken ist…aber der Reihe nach:

  • 2016 erschienen in der achten Ausgabe der Lyrikplattform karawa.net eine Auswahl an Gedichten Iain Sinclairs, die zum Großteil der Sammlung „Firewall“ entnommen sind.
  • 2015 porträtiert er in ZWEI POOLS die sich verändernde Stadtlandschaft Londons im Spannungsfeld der Betrachtung zweier Badeanstalten. (LI 111)
  • Ebenfalls 2015 geht es in LAND UNTER LONDON um Spekulanten, Psychopathen und Künstler, die sich die Unterwelt unter der britischen Hauptstadt erobern. (LI 108)
  • 2012 geht es auch um London, aber unter einem etwas anderen Aspekt, der vom Radkulturmagazin fahrstil #08 haltung unter dem Titel Das rasende Peloton – funkelnde Fahrrad-Facetten in der britischen Gesellschaft aufgegriffen wird.
  • 2010 geht es im Reisebericht unter dem Titel DER KOLOSS VON MAROUSSI um geplante Verwüstung, die sich anhand Olympischer Schauplätze nachvollziehen lässt. Eine Porträt Athens, der Trümmerfelder der Antike und der ruinösen Pracht Olympischer Spiele. (LI090)
  • ZWEI TÜRME PLUS EINER überträgt 2009 auf Einladung Lettres Iain Sinclairs Erwanderung und Erkundung von Orten auf Berlin und bewegt sich im Spannungsfeld der titelnden Türme am Alexanderplatz, Olympiastadion und Telegraphenberg. (LI086)
  • 2008 geht OLYMPISCHER SCHWINDEL direkt auf Ränkespiele, Landnahme, Goldrausch und die Vernichtung traditioneller Stadtlandschaften durch die Olympiaplanung 2010 in London ein. (LI082)
  • IN WOLKENKUCKUCKSHEIM lädt 2005 zu einem Streifzug in die „Stadt hinter der Stadt“ ein und führt in einem Auszug aus Lights Out For the Territory“ mitten in die City von London. (LI071)
  • Und 1999 erschienen zum ersten Mal Texte von Iain Sinclair in deutscher Übersetzung, als ein Projekt der britischen Schriftstellerin und Heimatforscherin Rachel Lichtenstein die Geschichte David Rodinskys, der 1969 spurlos verschwand und dessen Dachstube in einer Synagoge im Londoner Stadtteil Whitechapel zehn Jahre lang unberührt blieb, literarisch aufbereitete: Rodinskys Raum.
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Ghostmilk by Iain Sinclair

Mai 31, 2010

GEISTERMILCH

 

Klar gibt es Demokratie, die auf Sklaverei gründet. Das

griechische Modell halt. Und das funktioniert auch gut … 

Ed Dorn

 

Nach dem Nachtsturm den Halt verlieren,

am Hang aus feuchtem Kies, schlittern bis

zur zerbrochenen Spier, pechschwarz, Blut lackt daran,

bittere Nägel alter Geschichte, so viele Feuer-

seelen, 133 nimmt man an, über Bord geworfen, Ketten

als Ballast, auf hoher See, durch unterirdische

Höhlen und Täler zu irren, verloren in versunkenen Bergen,

falsche Pflanzen locken die vom Salz blasige Zunge.

Der Verkauf der Zeitungsfrau am Bahnhof

brachte 4500 Pfund: ein Käufermarkt.

Lebte mit ihrer Mutter und zwei ungeplanten Kindern

in Litauen, ein Wohnsilo, immer kaltes Wasser,

ein Angebot im Ausland, wählte den freien Markt.

Verladen. Verschoben. Wie Vieh. Vergewaltigt.

»Im Schnitt hatte ich mit 15 Männern am Tag Sex.

Wenn das Geschäft gut lief und es juckte

der Stadt unter der Haut, konnte ich 37 in einer

12-Stundenschicht bedienen. Ich wurde nicht oft geschlagen.«

»Ein ganz normales Geschäft«, meinte der Zuhälter.

»Das Gesetz von Angebot und Nachfrage.«

 

 

2

Wie kann der Schenkende des Kaufmanns Glück ermessen? 

William Blake

 

Geologie geht der Ökonomie voraus wie Winterflut

an einer Kreideküste im Süden

schwarze Steine auf die nackten Strandwiesen sät.

Stures Wiederholen erstickt den Zorn, macht aus Verbrechen,

die zu preisen wir beschlossen, palliative Geschichten.

Englands Klippen, diese senkrechten Knochenäcker

»wo die Ebbe auf mondbleichen Sand trifft«,

verbergen Scharen Verblichener, namenlos, spurlos.

Sie bluten reines Wasser und wirken in erhaltenen Ladungslisten

wie aufgereihte Maden, die ein eisernes Surfbrett befrachten.

Edinburgh hatte geologisch gesehen Glück, martialisch

mit Kirche und Feste, ein felsiger Auswurf vulkanischen Basalts:

Garnison, Königsburg, Kriegsgefangene im Fels begraben.

 

In den geschützten Sandsteinausläufer graben sie,

die Unsichtbaren, zerlumpten Importe, die zwangsläufigen

Begleitschäden: arbeitende Kinder, bucklige Frauen,

lohnlose Sklaven. Jede Brücke ein Unterschlupf, feuchte Keller

leuchten im Talglicht der Menschen wie ausgehöhlte Schädel.

»Kleine Jungs wurden genommen, um tief unter Tage

an Feuerklappen zu wachen, die die langen

dunklen Tunnel unterbrachen. Selbst als aus Reformen

Gesetze wurden, änderte sich an den Bedingungen

in den Minen kaum etwas. Geld war zu billig.«

 

 

3

Die Sklaven werden ihre Herren verkaufen und sich Flügel wachsen lassen.

 

Besser kaufen als brüten: das reiterlose weiße Pferd

mit seiner Windharfe aus tönenden Rippen

taucht auf aus einem Meer aus Kristall. Ein Knochenmann

goldbetresst, ein Jockey voller Troddeln und Litzen, Keim

der Revolte, hebt ein flammendes Schwert und stutzt Melonenköpfe,

Mondgesichter auf der Plantage, gesunde Zähne abgeschliffen

für den gelobten Zucker. John Gabriel Stedman , ein Söldner,

heuerte für sein Narrative of a Five Years’ Expedition Against

the Revolted Negroes of Surinam from the year 1772 to 1777 

den Kupferstechergesellen William Blake aus London an,

um die Ernte des Grauens einzubringen, verbranntes Fleisch,

blutgedüngte tropische Vegetation, Amateurkreuzigungen.

Und die »schöne Mulattin, das Sklavenmädchen« Joanna,

das Stedman heiratet und ihm einen Sohn gebiert.

Vom düstren Tarot der Bilder zerrissen, notiert der Kolonist,

als er London besucht: »Mrs. Blake eine Kruke Zucker geschenkt.

Des Königs Kutsche beschimpft. Traf 300 Huren auf der Strand.

Französische Gefangene kehren heim. Abershawe & Co. gehängt.

Meerjungfrau gesehen. Russische Flotte versenkt. Zwei Tage bei den Blakes.

Invasion von Quiberon gescheitert. 188 Émigrés hingerichtet.

Blake überfallen & ausgeraubt.« Der arbeitende Künstler, versklavt vom

Mäzenatentum, legt den Grundstein für die Fabrik am Ufer der Themse.

Der Impuls ist verschlüsselt Teil unsrer DNS, dieser schlüpfrigen

Trosse genetischer Imperative: überfalle, übe Gewalt,

raube und rechtfertige. Geheime innere Sippschaften, unsre Erinnerung,

verkettet, wie unter einem Joch aneinander geschirrt, um durch Wüsten zu pilgern.

Sie folgen einem malariaverseuchten Fluss zu einem roten Fort, hungrige Gischt.

Vergiss nicht: »Wir entstammen der Erde.« Die Anmut, mit

der ihre Körper Raum greifen, ist künftiger Krieg. Dschungel

wandern. Schmerz vervielfältigt sich. Bestand hat bloß das Geschäft.

»Ende der 1820er hielt man den Zucker von Sklavenplantagen

weithin für unwirtschaftlich.« Das System lohnte sich nicht.

Besser, man erlaubte freien Wettbewerb und ließ Steuermissbrauch

gedeihen, wo er mochte. Elizabeths königlicher Sklavenhändler,

Sir John Hawkins, Seefahrer und Pirat, gründete ein Armenhaus

in Chatham, das noch immer steht. Die Themse bleibt

ein komplizierter Strom aus Geld, Kreditbriefen und

Handelsanweisungen. Der Sitz der Port of London Authority

mit seinen Fossilen und steroidalen Standbilder macht nun in

Rückversicherungen, Risiko, Powerfrühstücken. Gewinnanteil fix.

 

 

»Die Sklaven hatten sich schneller als die Moralvorstellungen ihrer Besitzer verändert«, schrieb Catling in seinem spätsurrealistischen Roman. »Sie hatten sich in andere Wesen verwandelt. Wesen ohne Bestimmung, Identität oder Bedeutung. Anfangs dachte man, dass ihre Misere auf ihre Gefangenschaft zurückzuführen wäre. Doch schnell wurde deutlich, dass in dieser Wesensänderung ihre Fähigkeit, solche Feinheiten der Gefühle zu empfinden oder zu erleiden, verloren gegangen war. Es war der Wald selbst, der ihre Erinnerung verschlungen und sie als Baumsüchtige wiederauferstehen hatte lassen.«

 


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Schiffbruch

Mai 5, 2010

Schiffbruch

„Irgendwie soll wohl diese offiziell-inoffizielle Webseite auch eine Art Cyberspace-Pinwand für mich sein, denke ich. Der ein oder andre ans Schmidt‘sche grenzende Zettel im digitalen Unendlichen. Geh-dichte, die nicht auf mich gewartet haben, aber die als „Schrittchen aus derzeit Hamburg“ eine Art seelisches Gegengewicht schaffen, nachdem mein fast ein Jahrzehnt währendes Engagement für Iain Sinclair in einer literaturzeitschriftlichen Woge gekentert war.“ JG

SCHIFFBRUCH

Da, der frühe Daunenjackenmann,

da zieht er gen Osten, macht einen auf arm

und heilig, sagt sie

in heißeren Gefilden, mag ich lieber

eine andre, komplexe Werke der Kunst

Tolstoi ohne den kompletten Text

ist das Lesen wert, Kurzfassungen

des Sports, auch im Radio, spektakulär

lügen im Fahrwasser, großes Kino

gemeint ist der Sound der See

es steht, Diktat

ihre Augen klingeln bei mir wie Pfundmünzen

er kommt zum Kabelsaufen ins Büro

das mal in Nachrichten gemacht hat, in Zusatz-

Stoffen Gesprächsgegenständen Fußball Heimrandale

Ehre wem Ehre gebührt, ein Bar-

Zahler, mal ganz praktisch, wo hat denn der nackert

Entsagende seine Münzen, wundersam aufgefüllt

wie unser leichtes Morgengrauen in-

time Lache auf der Karte, da Sie schon nicht fragen,

von Joseph Mallord William Turner

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Und hier das Original

(veröffentlicht, wie gehabt, auf http://www.iainsinclair.org.uk/):

The shipwreck

“It’s my intention to use the official-unofficial website as a cyberspace wall on which to flypost poems and notebook scraps. The first of these, “The Shipwreck”, is part of a group that will appear in the 50th edition of the magazine “Tears in the Fence”. My thanks to the editor,David Caddy, for permission to audition the poem here, in advance of its hardcopy debut.”

Iain Sinclair

THE SHIPWRECK

down early eiderdown man

spotted moving eastward doing the poor

and the holy, she says

in other hotter climes, I prefer

another she, complex works of art

Tolstoy without the complete text

is it worth reading, compact versions

of the sport, radio too, sensational

lie to the fairway, great play

the sound of the sea is meant

it stands, dictation

her eyes are bullets to my ring

he comes to drink wire from the office

which used to trade news, additives

conversation piece football local aggro

honoured in his way, a cash buyer

act practical, where does this naked sadhu

hold his coins, miraculously replenished

like our light sunrise promiscuous spill

the card, since you don’t ask, is JW Turner


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Waldbrand

April 16, 2010

Ich erinnere mich lebhaft an einen DEFA-Film, gesehen vor einigen Jahren im Landkino in Lenzen: Waldbrand … naja, oder so ähnlich, ein alptraumatischer Streichholzeffekt, brutzelndes, fliehendes, tödliches  Sengen, also dieses Geräusch. Alles war hin. Verkohlt. Tot. Dem Erdboden gleich … obwohl die schwarzen Zeigefinger noch so graphisch aus der Erde stakten. Und während ich noch dachte : meine Güte : flatterte neues Leben ein, spross und sprießte es, als gäbe es dieses maledeite Ende so ungeheurer Welten wie der des Waldes nicht.

Auch hier hatte es eine Unterbrechung gegeben, ein Streichholz genannt Wirt-schafft-Licht-(oder Schatten meist ein „er“) Imperativ war grollend aufgeflammt und hatte alles brach gelegt. Aber nun regt und streckt und keimt und sprießt es doch wieder, ein bisschen zufällig vielleicht, aber auch meine ungeahnt tiefe Verbindung zu den Worten des Sprachmagiers Iain Sinclair ist ja eher zufällig oder gibt es immer noch Menschen, die glauben, planen = bestimmen zu können?

Neues, von mir verdeutschtes Sinclair’sches Eintauchen in Sprache und Orte finden Sie nun erst einmal unter:

http://www.iainsinclair.org.uk/

Ghost Milk / Geistermilch

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November 30, 2009

Aktuelle Informationen rund um Iain Sinclair finden Sie unter:

http://iainsinclair.org.uk