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Aktuelle Links

Juli 19, 2018

Podium zum geschichtlichen Strom, zum Sog der Themse

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Dokumentarfilm zu London Overground

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[fotos: ghebrezgiabiher]

 

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MITTEN INS SCHLIMMSTE HINEINPILGERN

Dezember 8, 2017

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Wieder ein Iain Sinclair Text in Lettre International. Sehr dichte Prosa, wichtige Themen und ein Schuss poetisches Sprachwerken.

LETZTE PILGERWANDERUNG titelt die Winteraussgabe LI 119:

Iain Sinclair, leidenschaftlicher Stadtwanderer und literarische Spürnase der Themsemetropole, ist ein Schlafwandler in selbstgewähltem Schweigen. Jahrelang versuchte er, aus dem weißen Rauschen der Zeichen, der Werbung, der Bauten, der Schmierereien, der unaufhörlichen Ohrinvasion in der Themsemetropole eine konsistente Erzählung zu machen. Nun hat er vor der Übermacht der finanzmetropolitanen Dynamik kapituliert und sein Schreiben beendet. Ihm ist, als hätte er sein Gravitationszentrum verloren, und er fragt: Wann eigentlich erloschen Londons große Visionen von der Zukunft? (https://www.lettre.de/magazin/li-119)

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Für alle Interessierten hier noch ein kurzer Überblick über bisher bei Lettre International erschienene Texte von Iain Sinclair:

LETZTE PILGERWANDERUNG – Ein Schlafwandler in selbstgewähltem Schweigen unterwegs; LI 119, Winter 2017

LETZTMALIG LONDON – Besessene Wanderungen eines hinkenden Psychogeographen; LI 117, Sommer 2017

ZWEI POOLS – Stadtporträt; LI 111, Winter 2015

LAND UNTER LONDON – Spekulanten, Psychopathen und Künstler erobern sich die Unterwelt; LI 108, Frühjahr 2015

DER KOLOSS VON MAROUSSI – Athen – Trümmerfelder der Antike, ruinöse Pracht Olympischer Spiele; LI 090, Herbst 2010

ZWEI RME PLUS EINER – Alexanderplatz, Olympiastadion, Telegraphenberg – Feldforschungen; LI 086, Herbst 2009

OLYMPISCHER SCHWINDEL – Ränkespiele, Landnahme, Goldrausch. London macht sich fit für 2012; LI 082, Herbst 2008

IN WOLKENKUCKUCKSHEIM – London – Streifzüge durch die Stadt hinter der Stadt;       LI 071, Winter 2005

[Fotos: J Ghebrezgiabiher]

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wenn der autor geht, bleibt der übersetzer?

Oktober 30, 2017

Letztmalig London titelte Lettre International. Iain Sinclair’s Farewell to London auch im Guardian. Besondere Anlässe verlangen nach besonderen Maßnahmen. Ich lese The Last London – True Fictions from an Unreal City, während mich ICE und Eurostar (eigentlich kein passender Name mehr) im Eiltempo und – von meiner Seite eher spontan – zu einigen Veranstaltungen rund um die Veröffentlichung von Iains letztem London-Buch transportieren. Eine Reise, ein „Augenzeugen“ vor Ort zu diesem Abschließen eines mehr als 40-jährigen Schreibens über London. Eindrücke sammeln, auf dem Rad. Kompensieren, dass der Geschichten erwandernde Wortmagus St. Clair mir sprich:wörtlich immer voraus ist. Als „Übersetzer“ bin ich immer langsamer als das Original, nur „veloziped“ kann ich dem Zufußgeher wirklich folgen. Ausgerechnet ein „Biker“ als Übertrager, wird er sich wohl doch ab&an schon mal gedacht haben.

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11/9/17 Also wenn ich immer so viel Rad führe, wäre ich wahrscheinlich fit. Ich glaube, heute habe ich um die 40 Meilen runtergestrampelt, weil ich keine Veranstaltung zu besuchen hatte und einfach nur rumgegurkt bin: Von meiner Schreiber-(echt nah an Schreber-)Hütte erst mal nach Beckton und den Beckton Alps (ein stinkender, vermüllter Monte Scherbelino, Betreten verboten, aber ein irrer Blick über die Stadt. Dann hab ich mich mal an die Royal Docks gewagt, weil es da einen Waterside Path geben sollte. Pustekuchen, alles verrammelt, entweder wegen Bauarbeiten, die ziehen da einfach einen Turm nach dem andren hoch, oder Bullen und davon mehr als Bauarbeiter, weil gerade ein Treffen der internationalen Waffenlieferer beschützt werden musste. Ist schon immer erstaunlich, wenn Sinclair dann einfach wahr wird. Die himmelwärts und ewige schattige Bauöde der Isle of Dogs, Greenwich Foot Tunnel und dann nach Brixton. Musste doch wenigstens mal einen Blick auf unser altes Zuhause werfen. Dann Teil meines alten Arbeitswegs, alte Richtungen, vertraute Straßen, und direkt in die City und den CS3 zur Cable Street genommen. Ich kann nur sagen: Don’t ever use a Cycling Superhighway in the rush hour if you’re not in a rush. It’s lethal. London cyclists are mad. It’s a race course and they’re going to knock you over, run into you, hit you, swear at you, hate you, and eventually kill you, if you’re in their way. Aber dann noch in einer fast ausgestorbenen Feierabend- oder Feiertagsruhe am Regent’s Canal wieder Richtung äußerster Nordwesten, zurück zur Hütte. Jetzt bin ich platt, obwohl es keine Bergwertung gegeben hat.

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In der Sinclair-Ausstellung The House of the Last London war ich gestern schon. Ein eher privater Blick auf Iains Projekte aus seiner Sicht und der seiner Freunde und immer wieder Wegbegleiter. Ich würde nach der Austellung sagen, dass wenn man eine Ausstellung zu Iain Sinclair sehen möchte, muss man sich London angucken. Das ist sein eigentlicher „Ausstelllungsraum“. In diesem Sinne mache ich jetzt die Tage hier so weiter: Lusche morgens ordentlich rum, weil ich eh immer nur lahm in die Pötte komme, und nutze dann Mittag bis Abend, um an meinem „Intake“ zu arbeiten. Das passt so ganz gut für mich und zum Wetter passt’s auch. Zwar steht nachmittags immer mal wieder ein bisschen schauriges Gewarte in Toreingängen oder Hochhausdurchgängen an, aber hauptsächlich stürmt es nachts um meine Gartenhütte herum und regnet bis zum Morgen melancholisch melodisch aufs Dach.

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13/9/17 Der große Abend mit der Lesung in IKLECTIK north of the Archbishop’s Park Lambeth (wieder Richtung „alte Heimat). Toller Titel: Future Exils Return to a Last London. Fühle mich fast angesprochen. Ein besonderer Tag, denn ich habe im großen Stil Blake gewürdigt, einmal in der Tate Britain, die um die Ecke ist, und dann um die Hercules Road herum, die mal auf meinem Arbeitsweg gelegen hat und wo eine Intitiative ganz viele der Blake Radierungen als Mosaike unter den Bahnbrücken nachempfunden hat. Die Lesung selbst war NUR Gedichte – was ich absolut nicht erwartet hatte. Allen Fisher, Alan Moore, Brian Catling, Bill Griffith (in Abwesenheit, aber genau vor 10 Jahren auf den Tag gestorben) und Iain haben sich an die Dichterlesungen in den 70ern erinnert und ein ähnliche Atmosphäre heraufbeschworen. Besonders beeindruckt hat mich Allen Fishers Gedicht Place. Plötzlich steht Stephen Watts vor, der in The Last London quasi das East End übernimmt, wo er auch seit über 30 Jahren lebt, während wir noch vor den erst pünktlich um 7 öffenenden Türen mit den Füßen scharren. Stephen übersetzt Gedichte aus Sprachen, die er gar nicht kennt, Syrisch und Arabisch, einfach über den direkten Kontakt mit dem Originaldichter! Das hat mich wirklich fasziniert und ich finde es großartig. Das Gedicht als Dialog, eine große Tür, um sowohl dem Dichter des Originals, der Sprache des Originals, als auch dem Dichter im Übersetzer und der anderen Sprache treu zu bleiben, und etwas ganz Neues zu schaffen, das sich in bester, freundschaftlicher Weise (die Freundschaft mit diesen Dichtern hat er dabei besonders betont) treu zu bleiben.

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14/9/17 Heute hab ich – weil ich gerade das Kapitel Absolutely Barking, das hier im äußeren Nordwesten, wo ich gerade meine Bleibe habe, spielt – die am übelst stinkenden 8 Meilen ‚ever‘ in meinem Ausflugsangebot gehabt: auf der sympathisch klingenden River Road und auf der Suche nach Barking Riverside, einer komplett neuen Trabanten-Vorstadt, die im Barkinger Industriegebiet angelegt wird. Themse-Nähe, aber man sieht sie wohl eher nur jenseits der Müllberge aus den obersten Stockwerken. Recycling ist ein infernalisch sämtliche Atemwege bedrohender Prozess. Schulkinder aus den neuen Siedlungen laufen durch den von einer unglaublichen Zahl von Lastern aufgewirbelten Dreck und Staub zum „Riverside Campus“ und ich mittendrin. Aber es war natürlich trotzdem interessant. Und ich wollte wissen, wohin das alles führt, und bin zur „militanten Untersuchung“ (die bei mir allerdings nur das Abendessen von Waitrose ergeben hat) in die Stratford Westfield Shopping Mall gestrampelt, um die herum eine riesige Trabanten- und Pendlerschlafstadt entsteht, hab mich verirrt und als ich wieder rausgefunden hab, von einem oberfreundlich und sympathisch hübschen jungen Gläubigen einen Koran geschenkt bekommen. „For free“, er wollte mir gleich die deutsche Ausgabe auch noch aufdrängen. Da hab ich ihm erklärt, dass ich ein Reisender bin, und das schien ihm dann doch einleuchtend bei fast einem Kilo Textgewicht.

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The Last London

April 9, 2017

Das London, mit dem auch Iain Sinclairs Sprache verbunden ist und sich entwickelt hat, verschwindet immer mehr. Die neuen Bilder dieser ewig sich wandelnden Stadt sind an eine andere Sprache gebunden, computeranimierte Wortverwirrung statt tiefentopografischer Sprachmagie. Der Dichter schließt „sein“ London ab und wandert in unbekanntes Territorium hinaus.

Einen Vorgeschmack auf The Last London, das letzte Buch eines ungeheuren Zyklus über die britische Hauptstadt und das im Herbst bei Oneworld erscheinen wird, bietet der Vortrag unter demselben Titel, der im April 2017 im London Review of Books veröffentlicht wurde:

https://www.lrb.co.uk/v39/n07/iain-sinclair/the-last-london

Und ein filmisches Porträt zum selben Thema:

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Edge of the Orison _ Rand des Orizonts

März 22, 2017

In diesem Fall kommt das nahe an einen Silberstreif heran:

Iain Sinclair: „Der Rand des Orizonts. Auf den Spuren von John Clares ‚Reise aus Essex'“. Verlag Matthes & Seitz

Damit erscheint zur Buchmesse Leipzig 2017 das erste Buch des britischen Wortmagiers in deutscher Sprache. Sinclair wandert auf den Spuren des Bauerndichters John Clare von Epping Forest am Rande von London bis nach Glinton in Northamptonshire. Eine Buchbesprechung und kurze Zusammenfassung findet sich hier: Podcast D-Radio zu Rand des Orizonts.

Um am Zauber [dieses Fußmarsches] teilzuhaben, braucht man die Landschaften und Dörfer auf seinem Weg nicht zu kennen. „Der Rand des Orizonts“ ist eine Gebrauchsanweisung für eine eigene Psychogeografie. Nach der Lektüre geht man anders durch die Stadt, stellt Mithu Sanyal, die das Buch besprochen hat, fest.

Dies ist aber zudem ein guter Moment, um kurz Revue passieren zu lassen, wo Iain Sinclair sonst noch in deutscher Übersetzung aufgetaucht ist. Denn so spurlos, wie es häufig den Anschein hat, ist er hierzulande gar nicht geblieben, was vor allem der Kulturzeitschrift Lettre International (LI) zu verdanken ist…aber der Reihe nach:

  • 2016 erschienen in der achten Ausgabe der Lyrikplattform karawa.net eine Auswahl an Gedichten Iain Sinclairs, die zum Großteil der Sammlung „Firewall“ entnommen sind.
  • 2015 porträtiert er in ZWEI POOLS die sich verändernde Stadtlandschaft Londons im Spannungsfeld der Betrachtung zweier Badeanstalten. (LI 111)
  • Ebenfalls 2015 geht es in LAND UNTER LONDON um Spekulanten, Psychopathen und Künstler, die sich die Unterwelt unter der britischen Hauptstadt erobern. (LI 108)
  • 2012 geht es auch um London, aber unter einem etwas anderen Aspekt, der vom Radkulturmagazin fahrstil #08 haltung unter dem Titel Das rasende Peloton – funkelnde Fahrrad-Facetten in der britischen Gesellschaft aufgegriffen wird.
  • 2010 geht es im Reisebericht unter dem Titel DER KOLOSS VON MAROUSSI um geplante Verwüstung, die sich anhand Olympischer Schauplätze nachvollziehen lässt. Eine Porträt Athens, der Trümmerfelder der Antike und der ruinösen Pracht Olympischer Spiele. (LI090)
  • ZWEI TÜRME PLUS EINER überträgt 2009 auf Einladung Lettres Iain Sinclairs Erwanderung und Erkundung von Orten auf Berlin und bewegt sich im Spannungsfeld der titelnden Türme am Alexanderplatz, Olympiastadion und Telegraphenberg. (LI086)
  • 2008 geht OLYMPISCHER SCHWINDEL direkt auf Ränkespiele, Landnahme, Goldrausch und die Vernichtung traditioneller Stadtlandschaften durch die Olympiaplanung 2010 in London ein. (LI082)
  • IN WOLKENKUCKUCKSHEIM lädt 2005 zu einem Streifzug in die „Stadt hinter der Stadt“ ein und führt in einem Auszug aus Lights Out For the Territory“ mitten in die City von London. (LI071)
  • Und 1999 erschienen zum ersten Mal Texte von Iain Sinclair in deutscher Übersetzung, als ein Projekt der britischen Schriftstellerin und Heimatforscherin Rachel Lichtenstein die Geschichte David Rodinskys, der 1969 spurlos verschwand und dessen Dachstube in einer Synagoge im Londoner Stadtteil Whitechapel zehn Jahre lang unberührt blieb, literarisch aufbereitete: Rodinskys Raum.
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Ghostmilk by Iain Sinclair

Mai 31, 2010

GEISTERMILCH

 

Klar gibt es Demokratie, die auf Sklaverei gründet. Das

griechische Modell halt. Und das funktioniert auch gut … 

Ed Dorn

 

Nach dem Nachtsturm den Halt verlieren,

am Hang aus feuchtem Kies, schlittern bis

zur zerbrochenen Spier, pechschwarz, Blut lackt daran,

bittere Nägel alter Geschichte, so viele Feuer-

seelen, 133 nimmt man an, über Bord geworfen, Ketten

als Ballast, auf hoher See, durch unterirdische

Höhlen und Täler zu irren, verloren in versunkenen Bergen,

falsche Pflanzen locken die vom Salz blasige Zunge.

Der Verkauf der Zeitungsfrau am Bahnhof

brachte 4500 Pfund: ein Käufermarkt.

Lebte mit ihrer Mutter und zwei ungeplanten Kindern

in Litauen, ein Wohnsilo, immer kaltes Wasser,

ein Angebot im Ausland, wählte den freien Markt.

Verladen. Verschoben. Wie Vieh. Vergewaltigt.

»Im Schnitt hatte ich mit 15 Männern am Tag Sex.

Wenn das Geschäft gut lief und es juckte

der Stadt unter der Haut, konnte ich 37 in einer

12-Stundenschicht bedienen. Ich wurde nicht oft geschlagen.«

»Ein ganz normales Geschäft«, meinte der Zuhälter.

»Das Gesetz von Angebot und Nachfrage.«

 

 

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Wie kann der Schenkende des Kaufmanns Glück ermessen? 

William Blake

 

Geologie geht der Ökonomie voraus wie Winterflut

an einer Kreideküste im Süden

schwarze Steine auf die nackten Strandwiesen sät.

Stures Wiederholen erstickt den Zorn, macht aus Verbrechen,

die zu preisen wir beschlossen, palliative Geschichten.

Englands Klippen, diese senkrechten Knochenäcker

»wo die Ebbe auf mondbleichen Sand trifft«,

verbergen Scharen Verblichener, namenlos, spurlos.

Sie bluten reines Wasser und wirken in erhaltenen Ladungslisten

wie aufgereihte Maden, die ein eisernes Surfbrett befrachten.

Edinburgh hatte geologisch gesehen Glück, martialisch

mit Kirche und Feste, ein felsiger Auswurf vulkanischen Basalts:

Garnison, Königsburg, Kriegsgefangene im Fels begraben.

 

In den geschützten Sandsteinausläufer graben sie,

die Unsichtbaren, zerlumpten Importe, die zwangsläufigen

Begleitschäden: arbeitende Kinder, bucklige Frauen,

lohnlose Sklaven. Jede Brücke ein Unterschlupf, feuchte Keller

leuchten im Talglicht der Menschen wie ausgehöhlte Schädel.

»Kleine Jungs wurden genommen, um tief unter Tage

an Feuerklappen zu wachen, die die langen

dunklen Tunnel unterbrachen. Selbst als aus Reformen

Gesetze wurden, änderte sich an den Bedingungen

in den Minen kaum etwas. Geld war zu billig.«

 

 

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Die Sklaven werden ihre Herren verkaufen und sich Flügel wachsen lassen.

 

Besser kaufen als brüten: das reiterlose weiße Pferd

mit seiner Windharfe aus tönenden Rippen

taucht auf aus einem Meer aus Kristall. Ein Knochenmann

goldbetresst, ein Jockey voller Troddeln und Litzen, Keim

der Revolte, hebt ein flammendes Schwert und stutzt Melonenköpfe,

Mondgesichter auf der Plantage, gesunde Zähne abgeschliffen

für den gelobten Zucker. John Gabriel Stedman , ein Söldner,

heuerte für sein Narrative of a Five Years’ Expedition Against

the Revolted Negroes of Surinam from the year 1772 to 1777 

den Kupferstechergesellen William Blake aus London an,

um die Ernte des Grauens einzubringen, verbranntes Fleisch,

blutgedüngte tropische Vegetation, Amateurkreuzigungen.

Und die »schöne Mulattin, das Sklavenmädchen« Joanna,

das Stedman heiratet und ihm einen Sohn gebiert.

Vom düstren Tarot der Bilder zerrissen, notiert der Kolonist,

als er London besucht: »Mrs. Blake eine Kruke Zucker geschenkt.

Des Königs Kutsche beschimpft. Traf 300 Huren auf der Strand.

Französische Gefangene kehren heim. Abershawe & Co. gehängt.

Meerjungfrau gesehen. Russische Flotte versenkt. Zwei Tage bei den Blakes.

Invasion von Quiberon gescheitert. 188 Émigrés hingerichtet.

Blake überfallen & ausgeraubt.« Der arbeitende Künstler, versklavt vom

Mäzenatentum, legt den Grundstein für die Fabrik am Ufer der Themse.

Der Impuls ist verschlüsselt Teil unsrer DNS, dieser schlüpfrigen

Trosse genetischer Imperative: überfalle, übe Gewalt,

raube und rechtfertige. Geheime innere Sippschaften, unsre Erinnerung,

verkettet, wie unter einem Joch aneinander geschirrt, um durch Wüsten zu pilgern.

Sie folgen einem malariaverseuchten Fluss zu einem roten Fort, hungrige Gischt.

Vergiss nicht: »Wir entstammen der Erde.« Die Anmut, mit

der ihre Körper Raum greifen, ist künftiger Krieg. Dschungel

wandern. Schmerz vervielfältigt sich. Bestand hat bloß das Geschäft.

»Ende der 1820er hielt man den Zucker von Sklavenplantagen

weithin für unwirtschaftlich.« Das System lohnte sich nicht.

Besser, man erlaubte freien Wettbewerb und ließ Steuermissbrauch

gedeihen, wo er mochte. Elizabeths königlicher Sklavenhändler,

Sir John Hawkins, Seefahrer und Pirat, gründete ein Armenhaus

in Chatham, das noch immer steht. Die Themse bleibt

ein komplizierter Strom aus Geld, Kreditbriefen und

Handelsanweisungen. Der Sitz der Port of London Authority

mit seinen Fossilen und steroidalen Standbilder macht nun in

Rückversicherungen, Risiko, Powerfrühstücken. Gewinnanteil fix.

 

 

»Die Sklaven hatten sich schneller als die Moralvorstellungen ihrer Besitzer verändert«, schrieb Catling in seinem spätsurrealistischen Roman. »Sie hatten sich in andere Wesen verwandelt. Wesen ohne Bestimmung, Identität oder Bedeutung. Anfangs dachte man, dass ihre Misere auf ihre Gefangenschaft zurückzuführen wäre. Doch schnell wurde deutlich, dass in dieser Wesensänderung ihre Fähigkeit, solche Feinheiten der Gefühle zu empfinden oder zu erleiden, verloren gegangen war. Es war der Wald selbst, der ihre Erinnerung verschlungen und sie als Baumsüchtige wiederauferstehen hatte lassen.«

 


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Schiffbruch

Mai 5, 2010

Schiffbruch

„Irgendwie soll wohl diese offiziell-inoffizielle Webseite auch eine Art Cyberspace-Pinwand für mich sein, denke ich. Der ein oder andre ans Schmidt‘sche grenzende Zettel im digitalen Unendlichen. Geh-dichte, die nicht auf mich gewartet haben, aber die als „Schrittchen aus derzeit Hamburg“ eine Art seelisches Gegengewicht schaffen, nachdem mein fast ein Jahrzehnt währendes Engagement für Iain Sinclair in einer literaturzeitschriftlichen Woge gekentert war.“ JG

SCHIFFBRUCH

Da, der frühe Daunenjackenmann,

da zieht er gen Osten, macht einen auf arm

und heilig, sagt sie

in heißeren Gefilden, mag ich lieber

eine andre, komplexe Werke der Kunst

Tolstoi ohne den kompletten Text

ist das Lesen wert, Kurzfassungen

des Sports, auch im Radio, spektakulär

lügen im Fahrwasser, großes Kino

gemeint ist der Sound der See

es steht, Diktat

ihre Augen klingeln bei mir wie Pfundmünzen

er kommt zum Kabelsaufen ins Büro

das mal in Nachrichten gemacht hat, in Zusatz-

Stoffen Gesprächsgegenständen Fußball Heimrandale

Ehre wem Ehre gebührt, ein Bar-

Zahler, mal ganz praktisch, wo hat denn der nackert

Entsagende seine Münzen, wundersam aufgefüllt

wie unser leichtes Morgengrauen in-

time Lache auf der Karte, da Sie schon nicht fragen,

von Joseph Mallord William Turner

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Und hier das Original

(veröffentlicht, wie gehabt, auf http://www.iainsinclair.org.uk/):

The shipwreck

“It’s my intention to use the official-unofficial website as a cyberspace wall on which to flypost poems and notebook scraps. The first of these, “The Shipwreck”, is part of a group that will appear in the 50th edition of the magazine “Tears in the Fence”. My thanks to the editor,David Caddy, for permission to audition the poem here, in advance of its hardcopy debut.”

Iain Sinclair

THE SHIPWRECK

down early eiderdown man

spotted moving eastward doing the poor

and the holy, she says

in other hotter climes, I prefer

another she, complex works of art

Tolstoy without the complete text

is it worth reading, compact versions

of the sport, radio too, sensational

lie to the fairway, great play

the sound of the sea is meant

it stands, dictation

her eyes are bullets to my ring

he comes to drink wire from the office

which used to trade news, additives

conversation piece football local aggro

honoured in his way, a cash buyer

act practical, where does this naked sadhu

hold his coins, miraculously replenished

like our light sunrise promiscuous spill

the card, since you don’t ask, is JW Turner