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Ghostmilk by Iain Sinclair

Mai 31, 2010

Geistermilch

Deutsch von Jürgen Ghebrezgiabiher

Klar, Demokratie und Sklaverei … eben das griechische Modell.

Und funktioniert auch … Ed Dorn

Nach dem Sturm in der Nacht den Halt verlieren,

am Hang aus feuchtem Kies, schlittern bis

zur zerbrochenen Spier, pechschwarz, Blut lackt dran,

bittere Nägel alter Geschichte, so viele Feuer +

Seelen, 133 nimmt man an, über Bord geworfen, Ketten

als Ballast, auf hoher See, wandern nun am Grunde

durch Höhlen und Täler, verloren in den Unterwasserbergen,

falsche Pflanzen locken die salzblasenbedeckte Zunge.

Die Zeitungsfrau am Bahnhof verkauft,

brachte 4500 Pfund: Käufermarkt nennt man das.

Ihr – und die Mutter und ihre zwei kleinen Ausrutscher leben noch

in Litauen, Wohnsilo, immer kaltes Wasser – wird

ein Job angeboten, weg von zuhaus, freie Wahl im freien Markt.

Verladen. Verschoben. Vergewaltigt.

„Im Schnitt hatte ich mit 15 Männern Sex pro Tag.

Wenn es zur Sache ging und es die Kerle

zwischen den Beinen juckte, waren’s manchmal 37

in meiner 12-Stundenschicht. Ich wurd nicht oft geschlagen.“

„So läuft das Geschäft halt“, meint der Zuhälter.

„Das Angebot bestimmt die Nachfrage.“

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Wie kann der Geber der Gaben die Wonnen des Kaufmanns erfahren?

William Blake

Die Erdentstehung geht der Wirtschaft voraus wie Winterflut,

die schwarze Steine auf die nackten Strandauen

an einer kreidig welschen Küste sät. Dumpfes

Wiederholen erstickt die Wut, ergibt schmerzstillende

Märchen von Verbrechen, die wir zu feiern beschlossen

haben. Die englischen Klippen, Gebeinhänge,

„wo die Ebbe auf mondbleichen Sand trifft“,

bergen listenweise Verblichene, namenlos, vermisst,

bluten reines Wasser und in den alten Ladelisten sehen sie aus

wie ein Haufen Maden, die ein eisernes Surfbrett verfrachten.

Edinburgh hatte landschaftlich Glück, kriegerisch

in Langdolch und Kirche, schroff herausgepresstes Vulkangestein:

Truppen, Könige, Kriegsgefangene im Fels begraben.

In die geschützten Sandsteinausläufer wühlen sie sich

hinein, Unsichtbare, zerlumpte Importware, die notwendigen

Kollateralschäden: Kindermaloche, bucklige Frauen,

Lohnsklaven. Jede Brücke ein Höhle, feuchte Keller,

wie hohle Schädel erleuchtet vom menschlichen Talg.

„Die Jungen hockten weit unten unter Tage,

bewachten die Feuerklappen, die die

langen dunklen Tunnel unterbrachen. Auch die

Reformen haben an den Arbeitsbedingungen

in den Minen kaum etwas verändert. Geld

war viel zu billig zu machen.“

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Die Sklaven werden ihre Herren verkaufen und

ihnen werden Flügel wachsen.

Lieber kaufen als sich vermehren: das reiterlos

weiße Ross, die tönenden Rippen harfen im Wind,

entsteigt der kristallenen See. Ein Knochenjockey

güldne Paspeln, Quasten und Klunker, in-

kubiert Revolte, hebt ein flammendes Schwert,

köpft Melonenköpfe, Mondgesichter im süßen

Röhricht, gesunde Gebisse zermalmt zu Gunsten des Heiligen

Zuckers. Für Stedman‘s Nachrichten von Suriname

und von seiner Expedition gegen die rebellischen Neger

in dieser Kolonie in den Jahren 1772-1777, heuert John Gabriel

Stedman den Wanderkupferstecher William Blake aus London an,

um die Ernte des Grauens einzubringen, menschliches

Grillfleisch, blutgetränkte tropische Vegetation, dilettantische

Kreuzigungen. Und die „schöne Sklavin,

das Mulattenmädchen“ Joanna, die Stedman heiratet, Mutter

seines Sohnes. Erschüttert vom düstren Tarock

der Bilder, führt der Kolonist Tagebuch seines Besuchs

in London: „Mrs. Blake eine Zuckerdose geschenkt. Der

König in seiner Kutsche beschimpft. 300 Huren

am Strand der Themse getroffen. Französische

Gefangene kehren heim. Straßenräuber Abershawe & Co.

gehängt. Ne Meerjungfrau gesehen. Russische

Flotte besiegt. Zwei Tage bei den Blakes. Feldzug

in Quiberon gescheitert. 188 Auswanderer

hingerichtet. Blake überfallen und ausgeraubt.“

Der fleißige Künstler, von edlen Gönnern versklavt,

legt den ersten Klinker für die Fabrik stromabwärts.

Ein Hang, der uns in der DNS steckt, dieser glitschigen

Trosse genetischer Imperative: Einfallen, brutal sein,

wegnehmen und begründen. Tief drinnen verkettet

Sippschaft, Gedächtnis, Nacken an Nacken, fürs Pilgern

durch Einöden. So folgen sie einem Malaria verseuchten

Fluss bis zur roten Festung, gefräßige Wellen.

Nicht vergessen: „Wir schießen aus dem Boden.“

Der Zauber ihrer Körper ist zukünftiger Krieg

während sie die nächste Hürde nehmen. Der Urwald

zieht sich zurück. Schmerzen vervielfachen. Handel

ist die einzig feste Größe. „In den späten 1820igern

war die wirtschaftliche Kritik an dem von Sklaven angebauten

Zucker weithin akzeptiert.“ Das System zahlte sich nicht aus.

Dann doch lieber freier Markt und den Steuermissbrauch

ins Kraut schießen lassen. Königin Elizabeths Ober-

sklavenhändler Sir John Hawkins, Freibeuter in der Karibik,

stiftete ein Armenhaus in Chatham, das noch immer steht.

Die Themse aber, krisenfest, ein komplizierter Strom

aus Geld, Zahlungsversprechen und Handelsanweisungen.

Das Gebäude der Londoner Hafenbehörden

mit seinen Versteinerungen und Anabolikastandbildern

handelt jetzt mit Rückversicherungen, Risiko, Powerfrühstück

für Powermenschen. Feststehende Profite.

„Die Sklaven hatten sich verändert“, schreibt Catling in seinem spätsurrealistischen Roman, „bevor sich die Moralvorstellungen ihrer Besitzer veränderten. Sie hatten sich verwandelt. In Wesen, die einen Zweck, einer Identität oder Bedeutung entbehrten. Anfangs dachte man, dass nun die Crux ihrer Gefangenschaft durchschlüge. Doch bald kam man zu der Erkenntnis, dass ihnen jegliche Art von Persönlichkeit fehlte, Persönlichkeit, die solche Feinheiten wie Gefühlsregungen empfinden oder erleiden könnte. Der Urwald hatte ihre Erinnerung verschlungen und hatte sie als Baumsüchtige wiederauferstehen lassen.“


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Schiffbruch

Mai 5, 2010

Schiffbruch

„Irgendwie soll wohl diese offiziell-inoffizielle Webseite auch eine Art Cyberspace-Pinwand für mich sein, denke ich. Der ein oder andre ans Schmidt‘sche grenzende Zettel im digitalen Unendlichen. Geh-dichte, die nicht auf mich gewartet haben, aber die als „Schrittchen aus derzeit Hamburg“ eine Art seelisches Gegengewicht schaffen, nachdem mein fast ein Jahrzehnt währendes Engagement für Iain Sinclair in einer literaturzeitschriftlichen Woge gekentert war.“ JG

SCHIFFBRUCH

Da, der frühe Daunenjackenmann,

da zieht er gen Osten, macht einen auf arm

und heilig, sagt sie

in heißeren Gefilden, mag ich lieber

eine andre, komplexe Werke der Kunst

Tolstoi ohne den kompletten Text

ist das Lesen wert, Kurzfassungen

des Sports, auch im Radio, spektakulär

lügen im Fahrwasser, großes Kino

gemeint ist der Sound der See

es steht, Diktat

ihre Augen klingeln bei mir wie Pfundmünzen

er kommt zum Kabelsaufen ins Büro

das mal in Nachrichten gemacht hat, in Zusatz-

Stoffen Gesprächsgegenständen Fußball Heimrandale

Ehre wem Ehre gebührt, ein Bar-

Zahler, mal ganz praktisch, wo hat denn der nackert

Entsagende seine Münzen, wundersam aufgefüllt

wie unser leichtes Morgengrauen in-

time Lache auf der Karte, da Sie schon nicht fragen,

von Joseph Mallord William Turner

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Und hier das Original

(veröffentlicht, wie gehabt, auf http://www.iainsinclair.org.uk/):

The shipwreck

“It’s my intention to use the official-unofficial website as a cyberspace wall on which to flypost poems and notebook scraps. The first of these, “The Shipwreck”, is part of a group that will appear in the 50th edition of the magazine “Tears in the Fence”. My thanks to the editor,David Caddy, for permission to audition the poem here, in advance of its hardcopy debut.”

Iain Sinclair

THE SHIPWRECK

down early eiderdown man

spotted moving eastward doing the poor

and the holy, she says

in other hotter climes, I prefer

another she, complex works of art

Tolstoy without the complete text

is it worth reading, compact versions

of the sport, radio too, sensational

lie to the fairway, great play

the sound of the sea is meant

it stands, dictation

her eyes are bullets to my ring

he comes to drink wire from the office

which used to trade news, additives

conversation piece football local aggro

honoured in his way, a cash buyer

act practical, where does this naked sadhu

hold his coins, miraculously replenished

like our light sunrise promiscuous spill

the card, since you don’t ask, is JW Turner


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Waldbrand

April 16, 2010

Ich erinnere mich lebhaft an einen DEFA-Film, gesehen vor einigen Jahren im Landkino in Lenzen: Waldbrand … naja, oder so ähnlich, ein alptraumatischer Streichholzeffekt, brutzelndes, fliehendes, tödliches  Sengen, also dieses Geräusch. Alles war hin. Verkohlt. Tot. Dem Erdboden gleich … obwohl die schwarzen Zeigefinger noch so graphisch aus der Erde stakten. Und während ich noch dachte : meine Güte : flatterte neues Leben ein, spross und sprießte es, als gäbe es dieses maledeite Ende so ungeheurer Welten wie der des Waldes nicht.

Auch hier hatte es eine Unterbrechung gegeben, ein Streichholz genannt Wirt-schafft-Licht-(oder Schatten meist ein „er“) Imperativ war grollend aufgeflammt und hatte alles brach gelegt. Aber nun regt und streckt und keimt und sprießt es doch wieder, ein bisschen zufällig vielleicht, aber auch meine ungeahnt tiefe Verbindung zu den Worten des Sprachmagiers Iain Sinclair ist ja eher zufällig oder gibt es immer noch Menschen, die glauben, planen = bestimmen zu können?

Neues, von mir verdeutschtes Sinclair’sches Eintauchen in Sprache und Orte finden Sie nun erst einmal unter:

http://www.iainsinclair.org.uk/

Ghost Milk / Geistermilch

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November 30, 2009

Aktuelle Informationen rund um Iain Sinclair finden Sie unter:

http://iainsinclair.org.uk

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